Nicht jeder strebt eine Karriere bei Google, Coca-Cola oder der Deutschen Bank an, sondern einen Job in Heimatnähe. Negative Folgen müssen bei dieser Entscheidung nicht befürchtet werden, denn der regionale Arbeitsmarkt boomt.
Von Sebastian Dreher
Laura Kawelke ist es gewohnt, mit großen Augen angestarrt zu werden, wenn sie das Thema ihrer Masterarbeit nennt. Es kann eben nicht jeder etwas mit „Bootstrapbasierte Zweistichprobentests unter zensierten Daten aus der Lebensdaueranalyse“ anfangen. Die 29-Jährige hat an der RWTH Aachen eine duale Ausbildung zur Mathematisch-Technischen Assistentin begonnen und gleichzeitig Scientific Programming an der Fachhochschule Aachen am Campus Jülich studiert. „Mathe hat mich schon immer interessiert“, erklärt Laura. Im November letzten Jahres hat sie den anschließenden Masterstudiengang in Technomathematik an der RWTH Aachen mit besagtem Thema abgeschlossen.
Anders als viele ihrer Kommilitonen wollte Laura es nicht von ihrem zukünftigen Job abhängig machen, wo sie leben muss – sie wollte in der Region bleiben. Natürlich wünschte sie sich trotzdem einen Beruf, der Spaß macht, einträglich ist und ihr weitere Karriereschritte offen lässt. Aber eben hier, hier in der Euregio. Ein naiver Wunsch?
„Es gibt viele Absolventen, die eben nicht bereit sind, für einen Job ihre vertraute Umgebung zu verlassen“, weiß Nina Walkenbach von karriere.ac. Das Online-Portal bündelt Stellenangebote von rund 20 regionalen Unternehmen aus den Branchen IT, Automobil und Energie mit dem Ziel, gut ausgebildete Fachkräfte in der Region zu halten. Auf der Homepage finden sich neben Tipps zu Bewerbung und Weiterbildung auch Infos zur bonding Firmenkontaktmesse oder der Nacht der Unternehmen.
Genau dort hat Laura am 9. November 2011 die erste Bekanntschaft mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber gemacht: dem Softwareentwickler National Instruments (NI). „Ich bin da ohne Erwartungen hingegangen“, erinnert sie sich. Und ohne Bewerbungsunterlagen! Prompt kam sie mit Mitarbeitern von Inform, IVU und eben NI ins Gespräch, ohne dass sie diesen etwas Schriftliches mitgeben konnte. Doch wie es der Zufall wollte, ergab sich eine zweite Chance. Auf der bonding Firmenkontaktmesse traf sie wieder auf NI – und war dieses Mal mit einer Bewerbungsmappe ausgestattet. Dann ging alles sehr schnell: Einladung zum ersten Bewerbungsgespräch, kurz darauf ein zweites Treffen, im direkten Anschluss die Zusage. „Laura passte optimal in unser Profil“, sagt Gruppenleiter Dr. Ralf Müller. „Für uns hätte es nicht besser laufen können.“
Entgegen einem oft unterstellten Karrierewahn ordnen nicht alle Absolventen ihr soziales Umfeld einer angestrebten beruflichen Position unter. „Nicht wenige Studenten würden hier bleiben, wenn sie einen Job fänden“, sagt Anja Robert, Leiterin der Karriereentwicklung der RWTH Aachen. „Ironischerweise leiden eine Menge lokaler Unternehmen unter dem Fachkräftemangel. Doch der Arbeitsmarkt ist wenig transparent.“
Während einschlägige Weltkonzerne schon mal mit Bierwagen bei Veranstaltungen auftauchen, um den besten Nachwuchs anzuwerben, treten die lokalen Akteure nur begrenzt in Erscheinung. „Hidden champions“ nennt Robert diese regional wenig bekannten Unternehmen, bei denen sich interessante Karrierewege einschlagen ließen. „Je kleiner die Firma, desto schneller bekommt man Verantwortung und Mitspracherecht“, sagt Robert. „Bei Global Playern brauchen Entscheidungen Zeit, bis sie unten ankommen.“
Seit Januar arbeitet Laura jetzt bei National Instruments als Softwareentwicklerin – und scheint ihren Platz gefunden zu haben. „Die Arbeit macht Spaß. Und ich bin froh, dass ich in der Nähe meiner Freunde und meiner Familie bleiben konnte.“
Lesen Sie hier die komplette Ausgabe 5 des Klenkes NEO (PDF).